Die legendäre Single-Blend-Schmiede der Highlands
Die Lochside Distillery in Montrose, Angus (Highlands), nimmt in den Herzen von Whiskysammlern einen ganz besonderen Platz ein. Als eine der markantesten Lost Distilleries Schottlands steht der Name Lochside heute für extrem charakterstarke, fruchtige Whiskys, die in ihrer Komplexität kaum noch einmal zu finden sind. Die Geschichte dieser Brennerei ist untrennbar mit dem visionären, aber exzentrischen Joseph W. Hobbs verbunden.
Die Anfänge: Von der Brauerei zur doppelten Destillerie
Wie so oft in der schottischen Industriegeschichte startete das Gelände nicht als Brennerei. Bereits 1781 wurde an dem Standort die Deuchar’s Lochside Brewery errichtet. Über 170 Jahre lang wurde hier erfolgreich Bier gebraut, bis die Brauerei in den 1950er-Jahren stillgelegt wurde.
Im Jahr 1957 kaufte Joseph W. Hobbs das markante, mit einem weithin sichtbaren Turm ausgestattete Gebäude. Hobbs war kein Unbekannter: Ihm gehörte bereits die Ben Nevis Distillery in Fort William, wo er erfolgreich mit der parallelen Produktion von Malt und Grain Whisky experimentiert hatte. Dieses bahnbrechende Konzept übertrug er sofort auf Lochside:
- Er installierte eine riesige, knapp 20 Meter hohe Coffey Still für die Produktion von Grain Whisky.
- Zusätzlich baute er vier Pot Stills für die Herstellung von traditionellem Single Malt Whisky ein.
Das Besondere daran: Lochside konnte dadurch alle Komponenten für einen Scotch Blend vor Ort aus einer Hand produzieren. Hobbs kreierte so den hauseigenen Blend namens Macnab’s.
Spanischer Einfluss und das „Goldene Zeitalter“
Nach dem Tod von Hobbs im Jahr 1964 übernahm sein Sohn das Ruder, bevor die Brennerei 1973 an den spanischen Spirituosenkonzern Destilerias y Crianza del Whisky (DYC) verkauft wurde. Die Spanier brauchten riesige Mengen schottischen Whiskys, um sie nach Spanien zu exportieren und dort mit lokalem Destillat zu verschneiden, da der Whisky-Boom auf der iberischen Halbinsel damals gigantisch war.
Unter der Führung von DYC (die später von Allied Domecq geschluckt wurden) wurde die Grain-Produktion im Jahr 1973 eingestellt und die monumentale Coffey Still abgebaut. Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte sich Lochside rein auf die Produktion eines erstklassigen Highland Single Malts.
Das bittere Ende und der Abriss
Das Schicksal von Lochside besiegelte sich in den frühen 1990er-Jahren. Im Zuge von weltweiten Konzernumstrukturierungen und einer temporären Absatzkrise auf dem Whiskymarkt wurde die Produktion am 30. April 1992 endgültig eingestellt.
- 1997: Die Lagerhäuser werden geleert, die verbliebenen Fässer in andere Destillerien umgelagert.
- 2005: Nach jahrelangem Leerstand brennt ein Teil der historischen Gebäude aus (ein trauriges Schicksal, das Lochside mit Littlemill teilt).
- 2006: Die Ruinen und der markante Brauereiturm werden komplett abgerissen. Heute befindet sich auf dem Gelände ein Supermarkt.
Lochside Whiskys heute: Flüssiges Gold für Genießer
Da es seit 1992 keinen neuen Output mehr gibt und der Großteil der Destillate in Blends verschwand, sind Single-Malt- oder Single-Grain-Abfüllungen von Lochside extrem selten und teuer. Ein unabhängiges Release von Lochside (oft zu finden bei namhaften Abfüllern wie Gordon & MacPhail oder Signatory Vintage) gilt heute unter Genießern als absoluter Geheimtipp.
Achte bei alten Lochside-Abfüllungen besonders auf die Jahrgänge vor 1973: Gelegentlich tauchen unabhängige Abfüllungen auf, die als „Single Blend“ deklariert sind. Hier wurden Malt und Grain aus derselben Destillerie bereits als New Make (frisches Destillat) gemeinsam in ein Fass gefüllt und durften dort über Jahrzehnte miteinander vermählen – eine absolute Rarität auf dem Weltmarkt.
Das Geschmacksprofil:
- Malt: Berühmt für eine regelrechte Explosion von tropischen Früchten (Maracuja, Mango, reife Banane), gepaart mit einer wunderbaren Wachsigkeit und sanften Getreidenoten.
- Grain: Extrem cremig, dominant in Richtung Vanillepudding, Kokosraspel, Toffee und weißem Pfeffer.